Die Nase
Erzählung
von Bruno Jasienski
Aus dem Russischen von Elisabeth Namdar-Pucher
Aber sonderbarer und unverständlicher als alles ist,
wie sich die Autoren solche Themen aussuchen können... Trotzdem aber, wenn
man darüber nachdenkt, so ist an all dem zugegebenermaßen etwas dran. Man
kann sagen, was man will, solche Ereignisse kommen vor - zwar selten, aber
sie kommen vor.
(Gogol "Die Nase")
Herr Doktor Otto Kallenbruck, Professor der Eugenik,
der vergleichenden Rassenkunde und der Rassenpsychologie, ordentliches Mitglied
der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft und der Deutschen Gesellschaft
für Rassenhygiene, Gründungsmitglied der Gesellschaft für den Kampf um die
Verbesserung der deutschen Rasse, Verfasser Aufsehen erregender Bücher über
den Nutzen der Sterilisierung, über die rassischen Ursachen der Sozialpathologie
des Proletariats und einiger anderer, saß beim Mittagskaffee in seinem Arbeitszimmer
mit Blick auf die Liechtensteinallee Nr. 18. Er war in die Druckfahnen seines
jüngsten Buches mit dem Titel "Endogene Minusvarianten des Judentums" vertieft.
Das Buch war erst vor einem Monat erschienen und innerhalb einer Woche vergriffen
gewesen. Es hatte ihm viel Lob eingebracht. Angesichts der ungeheuren Nachfrage
wurde eilig eine große Neuauflage vorbereitet.
Trotzdem war Professor Kallenbruck mit diesem äußeren Erfolg zu Recht
nicht ganz glücklich. In der Parteiführung hatte man das Buch zwar wohlwollend,
aber nicht unwidersprochen aufgenommen. Doktor Gross etwa, der Leiter der
Abteilung für Rassenpolitik der Partei, hatte offen einige Thesen aus dem
jüngsten Werk Kallenbrucks wegen ihrer übermäßigen Direktheit kritisiert.
Die Meinung von Doktor Gross war zwar nicht entscheidend, aber der Führer
selbst war mit Staatsgeschäften überlastet und hatte das Buch noch immer
nicht fertig gelesen. Und im Reichsministerium für Bildung und Propaganda
hatte maqn sich dazu entschlossen, es nur dann als verpflichtenden Lehrbehelf
in Rassenkunde für die Mittelschulen zu empfehlen, wenn die Neuauflage einige
Berichtigungen aufwiese.
Professor Doktor Kallenbruck war ein Mensch mit Prinzipien. Also musste
der neue Ton, der in letzter Zeit in der deutschen Rassenkunde von Doktor
Gross und seinem Mitstreiter Professor Günther ausgehend, einen quasi offiziellen
Einschlag erlangt hatte, musste also zwangsläufig seinen lebhaften Widerstand
hervorrufen.
Damit war nicht zu spaßen! Diese Herren wollten sämtliche anthropologischen
Kriterien bei der Definition der nordischen Rasse abschaffen und sie durch
Richtlinien rein seelischer Natur ersetzen!
Nach Ansicht von Professor Günther war weder die Schädelform noch die
Haarfarbe von Belang. Entscheidend waren lediglich der nordische Geist und
die nordische Denkweise. Die "gestraffte soldatische- und Turnerhaltung
- Brust heraus und Bauch hinein" - war laut Günther "ein wesentliches Merkmal
der nordischen Rasse".1)
Doktor Gross ging in seinen letzten Artikeln noch weiter, er behauptete
offen, dass die Rassendiagnostik nach äußeren Merkmalen die Massen abschrecke
und einen schlechten Eindruck im Ausland hinterließe.2) Erst vor kurzem
hatte er sich im "Völkischen Beobachter" bis zur Anerkennung der Gleichwertigkeit
der verschiedenen Rassensubstanzen verstiegen. Es fehlte gerade noch, dass
er die führende Rolle der nordischen Rasse leugnete.
Warum sollten da die Herren Gross und Günther nicht noch weitergehen und
du Bois zustimmen, der bewies, dass der Weiße nach einer Reihe von anthropologischen
Merkmalen primitiver war als der Neger, oder Hart, der jedweden geistigen
Rassenunterschied negierte?!
Nein, Professor Kallenbruck war stolz auf seine klare Linie und bei einer
derart grundlegenden Frage nicht bereit, einen Kompromiss einzugehen. Er
sollte direkt zum Führer gehen und ihm einmal deutlich den beklagenswerten
Zustand der deutschen Rassenkunde schildern.
Etwas anderes war jedoch die Tatsache, dass Professor Kallenbruck, wenn
er ganz ehrlich zu sich war, selbst mit seinem Buch nicht so recht zufrieden
sein konnte. Wenn er an das äußerst reichhaltige Material dachte, das er
im Laufe seiner zweimonatigen Studienreise durch die deutschen Konzentrationslager
für seine neue Arbeit "Über den wohltuenden Einfluss der Sterilisierung auf
die intellektuellen Fähigkeiten von Schizophrenen und asozialen Individuen"
hatte zusammentragen können, kamen ihm einige Passagen doch etwas oberflächlich
vor. Der Professor dachte hier insbesondere an einige Absätze im Kapitel
über die typischen Merkmale der semitischen Nase als einer klar ausgeprägten
rassischen Minusvariante und über den Einfluss der Nasenform auf die seelischen
Eigenarten des Judentums.
Auf diesen originellen Gedanken, auf den weder Gobineau noch Ammon oder
Lapouge, ja nicht einmal Chamberlain beziehungsweise die zeitgenössischen
Rassenkundler gekommen waren, hatten Professor Kallenbruck die Arbeiten
einiger deutscher und englischer Laryngologen gebracht, die Tausende Schüler
untersucht und so den offenkundigen Einfluss pathologischer Deformationen
der Nasenhöhle auf die intellektuellen Fähigkeiten der Heranwachsenden bewiesen
hatten.
Im Vergleich zur idealen Geradheit der griechisch-nordischen Nase stellte
die semitische Nase - und daran konnte es keinen Zweifel geben - eine klare
pathologische Deformation dar. Im Laufe der Jahrhunderte hatte sie ihren
subjektiv-pathologischen Charakter verloren und war ein gentypisch bedingtes
Rassenmerkmal geworden. Der Einfluss dieser Deformation auf die Denkweise
und auf die psychologischen Besonderheiten des Judentums war jedoch ein völlig
offensichtliches Faktum und bedurfte keinerlei besonderer Beweise.
Bis jetzt war die tadellose Logik der Schlussfolgerungen über jeden Zweifel
erhaben. Die Schwierigkeiten begannen nachher, wo es um die genauere Klassifizierung
der Unterschiede zwischen der hervortretenden und gebogenen Nase im Gegensatz
zur geraden Nase ging, wie sie der griechisch-nordischen Rasse eigen war.
Die deutliche Gebogenheit der bourbonischen Nase, wie sie bei der französischen
Dynastie der Bourbonen anzutreffen und unter der französischen Aristokratie
bis in die Gegenwart überaus verbreitet war, konnte man noch ohne große Schwierigkeiten
mit dem historischen Einfluss des Judentums auf die französische Politik
und auf das ganze französische Volk erklären, das recht suspekt war, was
die Reinheit seines Genfonds betraf.
Wesentlich komplizierter war es da schon mit der sogenannten römischen
Nase und dem für sie typischen Buckel.
Zweifellos stellte die römische Nase ebenfalls eine Abweichung von der
klassischen Geradheit der griechisch-nordischen dar. Es wäre allerdings politisch
ziemlich unangenehm gewesen, das mit einer Verbindung zwischen Römern und
Judentum zu erklären und vom wissenschaftlichen Standpunkt aus wäre es wahrscheinlich
außerdem auch nicht überzeugend gewesen.
Eine lyrische Beschreibung der männlichen Schönheit der römischen Nase
im Gegensatz zur groben Verdickung und Formlosigkeit der semitischen stellte
den wissbegierigen und anspruchsvollen Intellekt von Professor Kallenbruck,
der an strenge wissenschaftliche Abgrenzungen gewöhnt war, ebenfalls nicht
zufrieden. Beiworte wie "gemeißelt" oder "Adlernase" waren Kriterien, die
eher in die Ästhetik denn in die Anthropologie gehörten.
Diese Schwachstelle des insgesamt zweifellos glänzenden Buches kostete
den gewissenhaften Professor nicht nur vor sondern auch nach dem Erscheinen
seiner Studie zahlreiche schlaflose Nächte.
Die von ihm nach langen Überlegungen getroffene flexiblere Abgrenzung
zwischen dem griechisch-nordischen und dem semitischen Nasentyp legte als
Grundkriterium nicht mehr den verhängnisvollen Buckel, sondern den Buckel
in Verbindung mit der Hypertrophie der paarigen dreieckigen Glasknorpel fest.
So konnte man ohne Gedankenakrobatik die missratene römische Nase unter den
zahlreichen Mutationen der griechisch-nordischen einordnen.
Der Professor war in den Korrekturfahnen bis zu dieser Stelle gelangt
und las sie nun erneut durch, worauf er in Nachdenken versank. Wegen der
eingefügten Korrekturen musste man wahrscheinlich auch an der Beschreibung
der griechisch-nordischen Nase selbst etwas ändern. Ohne von ihrer idealen
antiken Geradheit abzuweichen, musste man einige Zugeständnisse zugunsten
ihrer weiter verbreiteten, sagen wir ruhig, ihrer vulgäreren Abarten machen.
Einen ausgezeichneten Prototyp dieser verbreitetsten arischen Nase stellte
die Nase von Professor Kallenbruck selbst dar, tadellos gerade, aber ein
wenig fleischig und an der Spitze leicht verdickt.
Um sich auch hier bei der Beschreibung nur an die präzise Sprache der
Wissenschaft halten zu können, nahm der Professor einen Gleitzirkel aus
dem Kasten, wie er in solchen Fällen von Anthropometern verwendet wird,
ging zum Spiegel und schickte sich an, die notwendigen Messungen vorzunehmen.
Aber nach einem Blick in den Spiegel wich er zurück und der Zirkel fiel
geräuschvoll zu Boden.
Aus dem Trumeau blickte ihm sein eigenes, etwas aufgeschwemmtes Gesicht
mit den spärlichen auf die Schläfen gekämmten Härchen und mit dem kurzen,
der nationalen Mode entsprechenden Schnurrbart entgegen. Aber über dem Schnurrbart
erhob sich anstelle der gut bekannten geraden und etwas pickeligen Nase zwischen
den erschrockenen Augen eine riesige schamlos-semitische Hakennase.
Der Professor berührte die Nase mit der Hand, in der Hoffnung, sie wäre
die Folge einer optischen Täuschung oder einer momentanen Halluzination.
Aber - oh weh - seine Finger fühlten einen großen fleischigen Zinken
.
Das war keineswegs nur mehr ein kleiner römischer Buckel, das war ein
richtiger Höcker, der da unverschämt zwischen den Triefaugen hervorragte,
ein elastisches Stück fremden Fleisches, das fest die unheilvolle Wölbung
der Dreiecksknorpel umhüllte!
Professor Kallenbruck war ein gläubiger Mensch, deshalb war es auch nicht
beschämend und erstaunlich, dass er, nachdem er seine Überzeugung von der
Zuverlässigkeit der eigenen Gefühle aufgegeben hatte, instinktiv die Augen
gen Himmel erhob und dreimal hintereinander in die Ecke spuckte.
Als Professor Kallenbruck daraufhin wieder in den Spiegel blickte, musste
er sich davon überzeugen, dass die riesige rote semitische Nase mit den kaum
merkbaren lilafarbenen Äderchen nach wie vor ein Drittel seines Gesichts
einnahm. Sogar das Gesicht des Professors selbst, das immer offen und gutmütig
gewesen war, geprägt von reinem germanischen Edelmut, hatte auf einmal einen
verschlagenen semitischen Ausdruck angenommen.
Der Professor spuckte nochmals zornig und wandte sich ärgerlich vom Spiegel
ab.
Er gab die Hoffnung nicht auf, dass er sich das alles nur einbildete,
vielleicht hatte er einfach nur erhöhte Temperatur. Kallenbruck nahm das
Thermometer und steckte es sich unter die Achsel. Mit geschlossenen Augen
zählte er bis tausend.
Das Thermometer zeigte 37 Grad.
Der Professor ging wieder zum Spiegel und riss verzweifelt mit zwei Fingern
an der weiß Gott woher gekommenen, ungerufenen Nase. Die Nase rührte sich
kein bisschen, offensichtlich dachte sie nicht einmal im Traum daran, sich
von dem von ihr erwählten Platz auf dem Gesicht des Professors zu trennen.
Nein, noch mehr, sie hielt die Berührung durch die Finger Kallenbrucks
für eine natürliche Geste des einfachen Volkes und ließ gutmütig zwei Rotzer
los, die der Professor mit seiner angeborenen Ordentlichkeit sofort mit einem
Taschentuch wegwischen musste. Er tat dies mit jenem ganz und gar verständlichen
Ekel, mit dem jeder fremden Rotz abgewischt hätte.
Nicht einmal die eisernen Nerven Kallenbrucks hielten das aus, der Professor
begann zu weinen, und entsetzt wurde ihm klar, dass er mit der plötzlich
aufgetauchten jüdischen Nase wie mit seiner eigenen aufzog und dass die Tränen
durch den Tränenkanal völlig ruhig in die untere Nasenmuschel flossen, als
ob sie diesen Weg von Kindheit an gekannt und keinerlei Veränderung festgestellt
hätten.
Da klopfte es an die Zimmertür.
Professor Kallenbruck verdeckte entsetzt die Nase mit der Hand und schielte
auf die Tür. Als er den Mann in der Tür erkannte, schrie er freudig überrascht
auf und stürzte sich überschwänglich auf ihn.
Tatsächlich hätte sich die Vorsehung nichts Passenderes ausdenken können:
Sie sandte ihm in der Minute der schwersten Prüfung einen Freund.
***
Herr Theodor von der Pfordten, Mitglied der Richterkammer, stoppte Kallenbruck
mit einer Handbewegung. Er legte ihm die Hände auf die Schulter und drehte
sein Gesicht sanft zum Licht. Aufmerksam wie ein Arzt betrachtete er die
Nase des Professors und neigte dabei seinen grauen Kopf bald auf die eine,
bald auf die andere Seite, als ob er sich das Phänomen von allen möglichen
Gesichtspunkten her ansehen wollte. Schließlich trat er einige Schritte zurück,
verschränkte die Hände auf dem Rücken und begann vorwurfsvoll seinen Kopf
zu wiegen.
"Oh Theodor", rief Kallenbruck, die aufsteigenden Tränen verschluckend,
aus. "Schau, was mit mir passiert ist! Es ist gerade erst geschehen, eine
Minute, bevor du gekommen bist. Ich wollte meinen Augen nicht trauen. Sag
mir, was das sein kann! Ist so was denn schon irgendwann einmal jemandem
passiert?"
Herr von der Pfordten ließ sich, ohne dazu aufgefordert worden zu sein,
im Sessel nieder, verschränkte ein Bein über das andere und klopfte mit
seiner Zigarre auf den Deckel der Zigarrenschachtel.
"Ja-a-a...". Er dehnte das Wort bedeutungsvoll und stülpte nachdenklich
eine Lippe vor.
Nachdem er das gesagt hatte, versank er wiederum in langes Schweigen und
stieß von Zeit zu Zeit akkurate Rauchringe in die Luft, jene berühmten Pfordtenschen
Ringe, um derentwegen im "Herrenklub" Wetten abgeschlossen wurden, wer wohl
ein Dutzend dieser Ringe mit dem Billardqueue auffangen könnte.
Professor Kallenbruck stand wie auf Nadeln, er ließ in der Erwartung,
dass sich jetzt gleich der süße Balsam des Trostes auf sein wundes Herz
ergießen würde, seinen Blick nicht von den vorgestülpten Lippen des Freundes.
"Hat es nicht etwa in deiner Familie väterlicher- oder vielleicht mütterlicherseits
irgendeinen jüdischen Vorfahren gegeben?" fragte Herr von der Pfordten, Mitglied
der Richterkammer, schließlich langsam.
Professor Kallenbruck setzte sich völlig überrascht auf seinen Sessel.
"Theodor", rief er vorwurfsvoll aus. "Wie kannst du nur so etwas sagen!
Du kennst doch meine ganze Familie genau. War nicht etwa mein verstorbener
Vater ein enger Freund deines verstorbenen Vaters?"
"Vielleicht irgendein Großvater oder Urgroßvater, den ich nicht das Vergnügen
hatte zu kennen?" setzte von der Pfordten kühl sein Verhör fort.
"Du beleidigst mich", plusterte sich der Professor auf und streckte die
Brust heraus. Die riesige Hakennase auf seinem blassen arischen Gesicht
wurde vor Empörung sogar rot. "Das habe ich von dir nicht erwartet, Theodor!"
"Ach weißt du, in unserer Zeit...". Der Freund zuckte mit den Schultern.
"Ja und außerdem widerspricht das dem gesunden Menschenverstand. Kann
sich davon vielleicht im fünfzigsten Lebensjahr ganz plötzlich die Nase
verändern?"
"Sag nicht, dass es das nicht gibt! Es ist durchaus möglich", beharrte
der grauhaarige Herr mit tödlicher Überzeugtheit. Die meisten Erbmerkmale
machen sich gerade im reifen Alter bemerkbar. Es ist alles eine Sache der
gentypischen Disposition."
"Aber bei mir - ich schwöre es dir! - ist das ganz plötzlich passiert.
Gerade eben habe ich noch im Kreis meiner Familie zu Mittag gegessen, dann
setze ich mich mit einer Tasse Kaffee her, um die Fahnen durchzusehen und
da, auf einmal..."
"Das ist immer so", bekräftigte unerbitterlich der Herr Angehörige der
Richterkammer. "Konstitutionell begründete Besonderheiten treten manchmal
erst in einem noch späteren Alter zutage als bei dir. Meinem verstorbenen
Großvater etwa, Geheimrat Albert von der Pfordten, einem bekannten Lebemann
und Botschafter seiner Hoheit, des Königs von Preußen am türkischen Hof auf
Lebenszeit, wuchs in seinem sechzigsten Lebensjahr auf einmal auf der Stirn
eine äußerst abscheuliche Beule. Und siehe da! Nachdem er sich durch die
Chronik unserer Familie gearbeitet hatte, stellte er fest, dass einer seiner
Vorfahren, Gustav von der Pfordten, Ritter des Malteserordens, eine ebensolche
Beule über dem linken Auge gehabt hatte. Nach Auskunft der Chronisten jener
Zeit musste er sich sogar einen Helm mit einer speziellen Fasson anschaffen."
"Na ja, eine Beule ist eins, aber eine Nase ist etwas völlig anderes...",
verteidigte sich Kallenbruck nun nur mehr schwach. "Kein einziger meiner
Vorfahren hat eine solche Nase gehabt."
"Das lässt sich überprüfen", meinte beflissen der Herr Angehörige der
Richterkammer. "Nichts ist einfacher als nach den Akten des offiziellen
Geburtenregisters deinen genauen Stammbaum zu rekonstruieren."
Herr von der Pfordten langte nach seiner goldenen Uhr und erhob sich aus
dem Sessel:
"Wir haben noch Zeit. Wir können jetzt gleich vorbeischauen und das sofort
erledigen."
"Gut, gehen wir!" stimmte Kallenbruck hastig, allerdings ohne besondere
Begeisterung zu. "Zumindest kannst du dich dann von der Unsinnigkeit deiner
Anschuldigungen überzeugen. Aber... wie soll ich mit so einer Nase auf die
Straße gehen?"
"Du stellst einfach den Kragen auf. Außerdem wird es sowieso schon dunkel."
Professor Doktor Otto Kallenbruck hüllte sich bis zu den Augen in seinen
Schal und stellte den Mantelkragen auf. Er ließ seinem Freund den Vortritt
und ging hinter ihm zur Treppe.
Nun lobte er nicht mehr länger die Vorsehung, die ihm in schwerer Zeit
Herrn von der Pfordten geschickt hatte. Nur allzu gerne wäre er diesen hartnäckigen
Menschen wieder losgeworden, der statt einer Tröstung das Schlangengewirr
des Zweifels in seine Seele fallen gelassen hatte.
Entsetzt dachte er daran, dass der außerordentliche Kummer, der ihn soeben
ereilt hatte und den er noch eine Zeit lang hätte geheim halten können, nun
in der ganzen Stadt bekannt werden würde. Von der Pfordten würde das Ereignis
überall ausposaunen, was ihm bei seinen weitreichenden Beziehungen bis hinauf
in die Parteiführung nicht besonders schwer fallen würde.
Hätte irgendjemand anders ein derart unwahrscheinliches Gerücht verbreitet,
hätte man ihm noch nicht glauben müssen. Aber Theodor von der Pfordten, dem
Verfasser der ersten nationalsozialistischen Verfassung, dem Gesetzgeber
der ruhmreichen Münchner Revolution vom 9. November 1923, dem Teilnehmer an
der unvergesslichen Schlacht bei der Feldherrnhalle - ja, Theodor von der
Pfordten würde jeder ohne Zögern glauben!
Da kam dem Professor plötzlich ein überaus sonderbarer, unerhörter Gedanke:
"Bleiben Sie stehen, denn wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, wurde
von der Pfordten doch in der Schlacht bei der Feldherrnhalle getötet!..."
Professor Kallenbruck erstarrte mit erhobenem Bein auf der Treppenstufe.
Er wollte sich schon umdrehen, um im Schrank das "Nationalsozialistische
Nachschlagewerk" herauszusuchen und dort in den "Lebensbeschreibungen unserer
Führer" nachschauen, ob sein Freund Theodor von der Pfordten nun tatsächlich
gestorben oder am Leben geblieben war.
Aber da drehte sich der grauhaarige Herr, der vor ihm die Stiege hinunterging,
ebenfalls um und blieb stehen.
"Vielleicht hast du es dir überlegt?" fragte er mit unverhüllter Ironie.
"Wir können dableiben, ich bestehe nicht darauf."
"Nein, nein, wo denkst du hin!" antwortete Kallenbruck hastig.
Er tappte die Stufen hinunter und wandte den feindseligen Blick keinen
Augenblick lang vom festen Nacken von der Pfordtens. An der freien Stelle
zwischen der Krempe der Kastormelone und dem gestärkten Kragen quoll als
rundliche, weiche, rosarote Falte der Hals hervor.
***
Draußen nieselte es. Plötzlich gingen in der feuchten Dämmerung die Laternen
an. Die Straßenlaternen standen in zwei Reihen da. Sie glichen hoch aufgeschossenen
Soldaten mit Stahlhelmen, die in der Dunkelheit vom Scheinwerferlicht erfasst
wurden. Professor Kallenbruck hatte das Gefühl, als ob er durch ein Spalier
geführt würde.
An der Kreuzung schlugen zwei Burschenschaftler mit bunten Kappen methodisch
und lustlos mit ihren Stöcken auf einen kleinen Mann ein, der mit der Hand
seinen Kopf zu schützen suchte. Ein Bursche mit grüner Barchentkappe sprach
dazu in belehrendem Ton:
"Geh doch hinüber, du verfluchter Jude, geh auf die andere Seite, wenn
wir hier sind. Steh uns nicht im Weg!"
Ein dritter Bursche mit roter Kappe stand etwas weiter entfernt in der
Pose des neutralen Beobachters, er beschränkte sich auf lakonische Ratschläge
wie etwa:
"Schlag ihn auf die Nasenwurzel!"
Oder: "Gib's ihm noch einmal auf das linke Ohr!"
Mitten auf der Kreuzung stand ein Polizist mit lackiertem Helm, starr
und unbeweglich wie eine Statue mit schlaff vom Gürtel herabhängendem Gummiknüppel.
Der arme Professor Kallenbruck versank in seinem Schal und schlich an
den be-schäftigten Burschenschaftern vorbei. Er beschleunigte seinen Schritt
und wollte den vorauseilenden von der Pfordten einholen. Aber der wurde ebenfalls
sofort schneller, und Kallenbruck begriff, dass sein Freund bewusst nicht
neben ihm gehen wollte.
Sie gingen noch durch ein weiteres Viertel, dann wandte sich Herr von
der Pfordten dem Tor eines großen, schwach erleuchteten Gartens zu. Nach
der Lage zu urteilen, musste es sich um den Tiergarten handeln, obwohl er
eher dem botanischen Garten ähnelte. Dieser Eindruck ergab sich wegen der
Bäume, die hier wuchsen und die absonderlichsten Formen in großer Mannigfaltigkeit
aufwiesen.
Es gab da Riesen wie die Affenbrotbäume; da standen schlanke und hochgewachsene
Arten wie die Zypressen; es gab Bäume, die unten vielfach verästelt, an der
Krone aber völlig entlaubt waren, so daß es aussah, als ob sie auf dem Kopf
stünden, und umgekehrt gab es welche, die unten abgerupft und oben kraus
waren wie die Strauchpalmenю Es gab zur Seite geneigte wie die riesigen Saksaulstauden
und kugelförmige, die von den kunstfertigen Händen des Gärtners einen Schnitt
verpasst bekommen hatten. Alle Bäume waren von oben bis unten entweder voller
Zapfen oder voller Früchte - genau konnte man das bei der schwachen Beleuchtung
nicht erkennen.
In der Mitte des mit Schotter aufgeschütteten Platzes erhob sich ein runder
Kiosk mit zahlreichen kleinen Fenstern.
Herr von der Pfordten blieb bei einem von ihnen stehen und wartete auf
den schwer atmenden Kallenbruck.
"Hier bekommen Sie jede Auskunft", er zeigte dem Professor das erleuchtete
Fenster und den darin sichtbaren Kopf eines feuerroten, großmauligen Beamten
mit Kaiser-Wilhelm-Schnurrbart. Das Gesicht des Beamten war übersät mit
Sommersprossen wie ein Tablett mit Kupferflecken.
"Was soll das?", wunderte sich Kallenbruck. "Sie wollten mich doch an
einen Ort bringen, wo man Einblick in das Geburtenregister nehmen kann?"
"Ganz recht."
"Aber wenn ich nicht irre, dann ist das hier doch der Tiergarten!", meinte
der Professor zweifelnd.
"Sie irren sich nicht. Früher war hier tatsächlich der Tiergarten. Wir
haben daraus einen genealogischen Garten gemacht."
"Einen ge-ne-a-lo-gi-schen Garten?", fragte Kallenbruck ziemlich erstaunt
nach.
"Ja genau. Haben Sie wirklich noch nichts davon gehört? Es handelt sich
dabei um eine außergewöhnliche Errungenschaft unserer Stadt, um einen echte
Großtat unserer Verwaltung. Statt in jedem einzelnen Fall in den unvollständigen
Akten der Matrikelaufzeichnungen zu wühlen, die noch dazu in Dutzenden Archiven
verstreut sind, kommt man einfach hierher. Jeder Berliner kann hier seinen
Stammbaum finden. Er zeigt ihm plastisch seine genealogischen Wurzeln bis
zurück ins zehnte Glied. Sie müssen dazu nur diesen Fragebogen ausfüllen."
Von der Pfordten schob Kallenbruck eines der vor dem Fensterchen liegenden
Formulare zu, tauchte die Feder ins Tintenfass und überreichte sie beflissen
dem Professor:
"Hier bitte: Vorname, Familienname, Geburtsjahr, Geburtsort, der Name
der Eltern, der Mädchenname der Mutter... Den Rest können Sie freilassen:
Unten: Wozu wollen Sie eine Auskunft, - da unterstreichen Sie die erste
Frage: 'Hat die genannte Person Vorfahren jüdischer Herkunft?' Das ist alles.
Zehn Pfennig für die Auskunft... Herr Beamter, haben Sie die Güte!"
Professor Kallenbruck blickte erregt in den sich auftuenden Rachen einer
pneumatischen Röhre, in welche der gelangweilte Beamte mit dem feuerroten
Schnurrbart mit einer mechanischen Bewegung seinen Fragebogen warf. Die Röhre
schluckte ihn und schloss sich wieder.
Der Professor setzte sich völlig erschöpft auf eine Bank.
Nach genau fünf Minuten rief ihn der Beamte bei seinem Namen auf und übergab
ihm die verlangte Auskunft.
Auf der Rückseite des Fragebogens hieß es:
"Der Großvater der genannten Person in väterlicher Linie ist Hermann Kallenbruch,
Sohn des Isaak Kallenbruch und der Dvoira, geborene Herschfinkel. Geboren
1805 in Solingen. 1830 nach Berlin übersiedelt. Nahm 1845 den evangelischen
Glauben an und änderte seinen Familiennamen von Kallenbruch auf Kallenbruck.
Siehe Stammbaum Nr. 783.211 (Abteilung XXVII, 18. Allee)."
"Das ist nicht wahr! Das ist eine Verleumdung!" wimmerte Kallenbruck auf
und fuchtelte mit dem Fragebogen vor dem Schnurrbart des gleichgültigen Beamten
herum. Der Schal, der das Gesicht des Professors umhüllt hatte, löste sich
und flatterte aufgeregt im Winde. "Wie können Sie es wagen! Ich habe meinen
verstorbenen Großvater persönlich gekannt!"
Der Beamte blickte ihn gelangweilt an.
"Bitte keinen Lärm zu machen!" sagte er streng. "Wenn Sie unserer Auskunft
keinen Glauben schenken, kaufen Sie sich doch einen Taschenspiegel."
Professor Kallenbruck verbarg eilig seine unselige semitische Nase im
Schal und entfernte sich wortlos vom Fensterchen.
"Gehen wir doch Ihren Stammbaum suchen". Von der Pfordten zog ihn am Ärmel.
"Die Allee ist hier genau angegeben. Im Stammbaum kann es keinen Fehler geben.
Jeden Monat werden auf Grund der neu aufgefundenen Dokumente die entsprechenden
Berichtigungen eingetragen."
Er zog den hageren, zusammengesunkenen Kallenbruck ins Labyrinth der spärlich
beleuchteten Alleen hinein...
"Hier", rief das gefällige Mitglied der Richterkammer aus.
Er blieb bei einem riesigen Baum stehen, der aussah wie eine gewöhnliche
Fichte, voller Zapfen von oben bis unten.
"Jetzt werden wir es sehen. Unten an der Nummerntafel muss ein Schalter
sein."
Herr von der Pfordten beugte sich vor. Er schaltete ein und der Baum erstrahlte
im hellen elektrischen Licht.
"Bitte sehr! Nur zu!"
Professor Kallenbruck blinzelte wegen der plötzlichen Helligkeit.
Der Baum sah aus wie ein richtiger Weihnachtsbaum. Was der arme Professor
in der Dunkelheit für Zapfen gehalten hatte, waren bei Licht besehen Plastikmenschen-Figürchen,
peinlich genau nach der Mode ihrer Zeit gekleidet. Auf den Ästen und Zweigen
linkerhand hockten wie Kanarienvögel kleine Herren in gelben Gilets und gewürfelte
Matronen, die mit ihren hohen Hauben an Wiedehopfe erinnerten. Auf dem obersten
Zapfen behangenen Ast saß wie ein einsamer Kauz der unverbesserliche Junggeselle
Onkel Gregor, mager, mit einem riesigen Kopf und einem buschigen grauen
Backenbart. Die steife Tante Gertrude mit ihrem unvermeidlichen schwarzen
Rock mit dem Bachstelzenschwanz warf von ihrem Ast herunter entrüstete Blicke
auf ihren verfrorenen, sich aufplusternden Mann, den Onkel Paul, so als ob
auch dieses Mal wiederum er und niemand anders sie in eine derart unangenehme
Lage gebracht hätte.
Dafür waren - oh Gott! - an den Ästen an der rechten Seite in ganzen Girlanden
kleine Juden mit runden Käppchen und langen Kaftanen am Hals aufgehängt.
(Offensichtlich als verspätete Strafe für das böswillige Verderben der germanischen
Rasse.) Einer davon - das prägte sich dem Professor besonders nachhaltig ins
Gedächtnis ein - mit einem richtigen Rabbinerhut mit Pelzbesatz.
Der arme Professor Kallenbruck stieß einen Herz zerreißenden Schrei aus,
verbarg sein Gesicht in den Händen, ihm schwanden die Sinne, und er fiel
um.
***
Als er wieder zu sich kam, bemerkte er, dass er auf einer Bank saß. Vor
ihm stand Theodor von der Pfordten, gestikulierte mit den Händen und versuchte,
ihn offensichtlich schon seit längerem nachdrücklich von etwas zu überzeugen:
"... Ich fasse zusammen, dass Sie sich im Namen jenes Tropfens deutschen
Blutes, das in Ihren Adern fließt, ohne Schwanken entscheiden müssen. Erinnern
Sie sich Ihrer eigenen großartigen Worte, dass es notwendig ist, das deutsche
Volk von minderwertigen Elementen zu befreien! Haben nicht Sie über die Helden
des großen Krieges geschrieben - über die Invaliden, haben Sie nicht geschrieben,
dass Menschen, die ein-mall Tapferkeit und Todesverachtung an den Tag gelegt
haben, diese Eigenschaften um der Heimat willen noch ein zweites Mal zeigen
und Selbstmord begehen sollen, um nicht länger eine Last für das Dritte
Reich darzustellen?"
"Nein, das habe nicht ich geschrieben, das versichere ich Ihnen! Das ist
Ernst Mann!" versuchte der Professor einzuwenden.
"Um so besser. Ich freue mich, dass diese glänzenden Worte von einem reinrassigen
Deutschen stammen. Aber in den Diskussionen über die Minderwertigen haben
Sie sich voll und ganz mit Ernst Mann, mit Professor Lenz und mit anderen
echten Deutschen solidarisiert. 'Sie haben sogar wiederholt öffentlich ihren
Standpunkt verteidigt. Ist es nicht so?"
"Ja, so ist es...", bestätigte Kallenbruck niedergedrückt.
"Sehen Sie! Stellen Sie sich vor, wie sich die Feinde des nationalsozialistischen
Deutschlands freuen und welches Geschrei sie erheben würden, wenn sie erführen,
dass einer der bedeutendsten Theoretiker und Ideologen des Rassismus ein...
Jude ist. Sie müssen doch selbst begreifen, dass Sie verschwinden müssen,
am besten ohne Lärm verschwinden, bevor die ganze Sache noch publik wird.
Ich könnte ihnen mit meinem Revolver aushelfen, aber einen allzu offensichtlichen
Selbstmord würden sich unsere Feinde ebenfalls nicht entgehen lassen und
ihn für neue Ausfälle gegen das Dritte Reich nützen. Am vernünftigsten wäre
es, wenn Sie Ihrem Tod den harmlosen Anstrich eines Unglücks geben könnten.
Ich empfehle Ihnen, sich unter einen Zug zu werfen oder in der Spree zu ertrinken.
Alle kennen Ihre Leidenschaft für das Fischen, das ruft keinen besonderen
Verdacht hervor."
"Aber meine Frau und die Kinder!" stöhnte der Professor verzweifelt auf.
"Ach, wir überlassen sie nicht ihrem Schicksal, da können Sie beruhigt
sein. Ihre Kinder würden wir nach einiger Zeit in Hilfsschulen überweisen..."
"In Hilfsschulen? Aber dort wird ja sterilisiert!" wimmerte Kallenbruck.
"Sie werden sicher verstehen, dass wir keine weitere Verunreinigung der
deutschen Rasse mit Elementen jüdischer Abstammung dulden können. In Ihrem
letzten Buch sind Sie sehr richtig auf diese Frage eingegangen... Aber Ihre
Frau ist eine tadellose Deutsche, und eine noch relativ junge Frau kann
Deutschland gewiss noch mehr als einen kühnen arischen Nachkommen geben.
Nach Ihrem Tod werden wir für sie einen passenden Mann suchen. Übrigens
hat sie Herr Regierungsrat Oswald von Wildau, ein großartiges Exemplar eines
reinblütigen Deutschen, wie es aussieht, immer mit seiner Aufmerksamkeit
ausgezeichnet."
"Oswald von Wildau!" empörte sich der Professor. "Aber der ist doch verheiratet!"
"Was für Albernheiten!" Von der Pfordten zuckte mit den Schultern. "Und
wer sagt so etwas? Sie, Professor Kallenbruck! Haben nicht Sie selbst in
Ihrem letzten Buch unumstößlich bewiesen, dass im Interesse der Reinheit
der Rasse der Kreis der Produzenten mit einer kleinen Zahl von ausgesuchten
Männern begrenzt sein muss?"
"Nein, ich schwöre Ihnen, dass nicht ich das geschrieben habe! Sie bringen
da etwas durcheinander! Das ist Mitthard!"
"Großartig! Aber Sie haben ihn in Ihrem Buch zitiert. Oder nehmen Sie
nicht etwa mehrfach auf sein Buch 'Der Weg zur Erneuerung der deutschen
Rasse' Bezug?"
Der Professor senkte ergeben den Kopf.
Zusammengekrümmt saß er auf der Bank, er verkroch sich ganz in seinen
Mantelkragen. Es war völlig sinnlos, die eigenen Argumente zu bestreiten.
Außerdem gab es, nach allem, was passiert war, sowieso kein Entkommen vor
Theodor von der Pfordten...
Als letzter Hoffnungsstrahl blitzte da in Kallenbrucks Kopf wieder dieser
sonderbare Gedanke auf:
"Was, wenn von der Pfordten tatsächlich in der Schlacht bei der Feldherrnhalle
ums Leben gekommen ist?..."
Es schien dem Professor sogar, als ob er sich an einen Nachruf in irgendeinem
widerlichen Oppositionellenblättchen erinnern könnte.
"Das Mitglied der Richterkammer Herr Theodor von der Pfordten, Autor der
bekannten nationalsozialistischen Verfassung (auf deren Basis ein Drittel
der Bevölkerung Deutschlands für vogelfrei erklärt wurde, sodass jeder X-beliebige
das Recht hat, sie zu töten!), ist - oh, welche Ironie des Schicksals! -
durch die Hand eines Ordnungshüters gefallen: Gefallen durch eine verirrte
Polizeikugel beim Bräuhausputsch. So konnte er nicht mehr die Realisierung
seiner blutrünstigen Verfassung erleben..."
Professor Kallenbruck strengte sein Gedächtnis an. Kam ihm das nur so
vor oder war es wirklich so gewesen?
Er hörte schon nicht mehr, was ihm von der Pfordten sagte, der nicht müde
wurde, an den Tropfen deutschen Blutes in ihm zu appellieren.
Der Professor entschloss sich zum Abwarten und wollte den Gegner durch
eine unerwartete Frage aus der Fassung bringen. Wenn von der Pfordten dadurch
aus der Fassung geriet, bedeutete es, dass er tatsächlich gestorben war. Dann
aber waren seine Aussage und seine umfangreichen Verbindungen schon nicht
mehr ganz so gefährlich.
"Ich glaube, ich habe Ihnen alles gesagt, was ich verpflichtet bin, Ihnen
zu sagen." Von der Pfordten beugte sich vor und zog seine Handschuhe an.
"Sie verzeihen, dass ich Ihnen zum Abschied nicht die Hand gebe. Sie werden
selber verstehen, dass das gegen meine Überzeugung wäre. Hören Sie auf meinen
freundschaftlichen Rat und bringen Sie es heute Abend noch hinter sich, je
eher, desto besser. Ich muss Sie warnen: Falls es Ihnen an Tapferkeit ermangelt,
selber zu sterben, wird die Partei gezwungen sein, Ihnen dabei zu helfen..."
"Sie haben leicht reden", sprudelte es aus Kallenbruck in einem letzten
Versuch zur Selbstverteidigung hervor, wobei er die Augen nicht von von
der Pfordten wandte. "Wenn ich nicht irre, hat Ihnen dabei selbst schon
einmal dein Polizist geholfen. Sie sind nämlich seit langem tot, Herr von
der Pfordten!"
Kallenbruck neigte sich in Erwartung der Auswirkung seines Schlages nach
vorn.
"Echte Nationalsozialisten sterben nicht", antwortete von der Pfordten
ausweichend und lüpfte seine Melone.
Er drehte sich um und verschwand langsam in der Tiefe der halbdunklen
Allee, und ließ den von Zweifeln erschütterten Kallenbruck in seiner früheren
quälenden Unsicherheit zurück.
***
Alleingeblieben saß Professor Kallenbruck lange in bittere Gedanken vertieft
da.
"Eigentlich könnte die Partei in Anbetracht meiner Verdienste bei mir
eine Ausnahme machen", sagte er sich nach widersprüchlichen Überlegungen.
"Vielleicht sollte ich versuchen, eine Audienz beim Führer zu bekommen?
Stammt denn nicht etwa auch der unsterbliche Zarathustra des Nationalsozialismus,
Friedrich Nietzsche, von einer polnischen Familie Nezkii ab? Eine polnische
Abstammung ist, wenn man es richtig betrachtet, nicht viel besser als eine
jüdische. Wenn man zur polnischen Abstammung von Nietzsche noch seine deutlich
ausgeprägte Schizophrenie nimmt, sind auch die Chancen fast gleich... Oh
Gott!" zuckte der Professor zusammen. "Ich denke sogar schon wie ein Jude!
Hätte ich es etwa früher je gewagt, so über unseren großen Lehrer zu denken?
Nein, von der Pfordten hat recht! Das Erbgift des Judentums hat bereits
meine deutsche Seele verdorben. Ich bin nicht mehr Herr meiner Sinne. Für
mich gibt es keine Rettung mehr! Wenn ich mich nicht selbst umbringe, werden
sie es sowieso für mich tun..."
Mit einem schweren Seufzer erhob er sich von der Bank, mit gekrümmtem
Rücken schleppte er sich mühsam aus dem Garten fort in Richtung Spree. Aber
die Beine trugen ihn aus alter Gewohnheit zum Gasthaus Löwenbräu.
Die riesigen Zeiger der Uhr in der Ecke zeigten sieben Uhr.
Ja, das war genau die Zeit, wo sich für gewöhnlich die Stammgäste des
runden Tisches beim Löwenbräu, die Gründungsmitglieder der Gesellschaft
zum Kampf für die Reinheit der deutschen Rasse, bei einem oder zwei Schoppen
trafen, um sich über hochgeistige Themen zu unterhalten und die aktuellen
Fragen der Bewegung zu diskutieren.
Noch gestern war er hier in seinem bequemen Stuhl gesessen, zu seiner
Linken Professor Sebastian Müller, zu seiner Rechten der wackere Doktor
Fabrizius Himmelstock, Chefredakteur der "Deutschen Medizinischen Wochenschrift"
und Verfasser der aufsehenerregenden "Eugenischen Untersuchungen zur Zusammensetzung
der Familien der gesamten preußischen Polizei". Er hatte gemeinsam mit ihnen
ruhig über Sondermaßnahmen zur Verbesserung der katastrophalen Statistik
diskutiert, nach der sich die Familien der preußischen Polizisten um ein
Drittel weniger rasch vermehrten als einfache Arbeiterfamilien.
Beim Anblick des Löwenbräuschildes schlug die Welle der auf ihn einstürmenden
Erinnerungen über dem Professor zusammen. In seine Augen traten Tränen der
Rührung.
Unwiderstehlich zog es ihn hin, nochmals, wenn auch nur durch die Glasscheibe,
einen Abschiedsblick in das Innere der vertrauten Kneipe und auf die Kollegen
am Tisch zu werfen.
Ja, sie saßen wie gewöhnlich dort an seinem geliebten Tisch mit dem ewigen
Schild "Reserviert". Der Professor sah erregt seinen leeren Sessel. Da sie
die angeborene Pünktlichkeit von Kallenbruck kannten, würden sie sich nun
in Mutmaßungen darüber verlieren, was ihn wohl daran hinderte, in dieser
Minute bei ihnen zu sein.
Fast alle waren schon da. Es fehlten nur noch er und der wackere Doktor
Himmelstock, der offensichtlich in seiner Redaktion aufgehalten worden war.
In den großen geschliffenen Krügen glänzte das bernsteinerne Nass. Der arme
Professor spürte im Mund ganz deutlich den bitteren Beigeschmack und fuhr
sich mit der Zunge über die Lippen.
Herr Justizrat Noldtke hielt ein dickes, noch ungeöffnetes Buch in der
Hand, schlug mit der Handfläche darauf und redete auf den rundgesichtigen
Professor Müller mit dem idyllischen grauen Haarkränzchen ein, das sich rund
um seine Glatze zauste.
Professor Kallenbruck stellte sich auf die Zehenspitzen und presste sein
Gesicht an die Glasscheibe. Er wollte wissen, was das für ein Buch war.
Die Berührung mit dem kalten Glas brachte ihn augenblicklich aus der Sphäre
der melancholischen Träumereien zurück in die düstere Realität.
"Was tun Sie denn da?", erklang hinter seinem Rücken eine bekannte Stimme.
Professor Kallenbruck drehte sich um.
Vor ihm stand der wackere Doktor Himmelstock, wie immer nagelneu eingekleidet,
mit einem neuen Filzhut, den er ein bisschen in den Nacken geschoben hatte.
"Sind Sie blind?" Er zeigte mit seinem Stock auf einen Aushang im Fenster.
"Eintritt für Juden verboten" "Das sollte doch klar sein?"...
"Aber Sie ... erkennen mich nicht?" stammelte Kallenbruck verwirrt.
"Ich habe keine Bekannten unter Angehörigen Ihrer Rasse und könnte sie
auch gar nicht haben!" Würdevoll maß ihn Himmelstock mit seinen Blicken.
"Gehen Sie weiter und verderben Sie uns nicht den Blick auf die Straße!"
Er schob Kallenbruck mit dem Stock weg und verschwand im Eingang der Wirtschaft.
Professor Kallenbruck taumelte zurück und streifte einen Passanten. Der
stieß ihn mit solcher Kraft zurück, dass der arme Gelehrte unter dem wohlwollenden
Gelächter der Gaffer der Länge nach auf den Boden fiel. Durch den Aufprall
auf den Gehsteig sprang dem Professor seine Zahnprothese heraus. Er kroch
ihr auf allen vieren nach, aber jemand stieß sie vorsorglich mit dem Fuß
in die Straßenmitte, unter die vorbeifahrenden Automobile.
Professor Kallenbruck dachte, er könnte sich auch ohne Zähne ertränken,
stand auf und bog hastig in das erste kleine Gässchen ab. Er war bemüht,
sich unbemerkt durchzuschlagen, nach einigen Minuten Gehen war er unten an
der Spree.
Auf der schwarzen Oberfläche des Flusses schwammen die fetten Lichter
der Laternen.
Der Professor blieb auf der Brücke stehen.
Unten schmatzte das Wasser, es machte ganz deutliche Schluckbewegungen.
Die Wellen drängten sich um die Brückenpfeiler, so als ob sie hier auf Professor
Kallen-bruck warteten und ohne sich seiner Gegenwart zu schämen, ergötzten
sie sich bereits an seinem etwas fülligen, aber für das Alter guterhaltenen
fünfzigjährigen Körper.
Eine derart eklatante Gleichgültigkeit im Angesicht menschlicher Gefühle
schien dem Professor beleidigend zu sein. Eilig überschritt er die Brücke,
entschlossen, sich an einem anderen Ort umzubringen.
Er stieg zum Kai hinunter und ging lange am Fluss dahin, von Zeit zu Zeit
blieb er auf der Suche nach einem passenden Plätzchen stehen.
Der Fluss eilte voraus und wartete genießerisch schmatzend an jeder Biegung
auf ihn.
Nach langem Suchen fand er schließlich ein einsames Plätzchen nach seinem
Geschmack, einen richtigen Zufluchtsort für Selbstmörder. Da drangen das
Gestampfe marschierender Füße und die Klänge eines Marschliedes an sein Ohr.
Es war sein Lieblingslied, das Horst Wessel-Lied, das im Löwenbräu des
öfteren mit gleichbleibendem Erfolg gesungen worden war und das Professor
Kallenbruck immer mitgesungen hatte.
In Gedanken sang er die ersten Zeilen.
Plötzlich bemerkte er, wie sich der bis dahin menschenleere Kai rasch
belebte. Auf den Gehsteigen und auf dem Pflaster liefen Leute in alle Richtungen
auseinander. Lärmend schlugen Fenster und Türen zu.
Das Horst Wessel-Lied kam immer näher.
Plötzlich befand sich Professor Kallenbruck unter den laufenden Menschen.
Jemand schrie ihm etwas auf Jiddisch ins Ohr:
"Was stehst du denn da? Lauf!"
Der Professor wollte schon beleidigt sein, dass man ihn für einen Juden
hielt, aber er kam nicht dazu. Panische Angst erfasste ihn, und ohne zu
überlegen, stürzte er den anderen hinterher.
Die Zahl der Laufenden wurde geringer. Sie verloren sich in den Seitengassen
und in den Öffnungen der Häuser.
Professor Kallenbruck wusste nicht, wohin er sich wenden sollte, er wusste
nicht einmal genau, wo er sich befand. Um Atem ringend lehnte er sich an
eine Straßenlaterne und schnappte gierig nach Luft.
"Lauf!" schrie ein Mann, der an ihm vorbeirannte.
Gehorsam lief der Professor noch ein paar Schritte weiter, schließlich
sank er aber kraftlos am Gehsteigrand nieder.
Der Mann, der ihn überholt hatte, blieb unentschlossen stehen, dann drehte
er sich um, lud sich Kallenbruck auf die Schulter und lief weiter.
Sie bogen in eine enge Seitengasse, und der Mann, der Kallenbruck auf
dem Rücken trug, tauchte mit ihm ins Dunkel eines großen Tores ein, von
wo ein scharfer Geruch nach Knoblauch und Katzen kam.
Im zweiten Hof auf der Hintertreppe setzte er Kallenbruck auf die Stufen.
Beide atmeten lang und rasch und horchten dabei auf das lauterwerdende Marschlied
von Horst Wessel, der den Wein, die Weiber und die Musik so sehr geliebt
hatte.
Das Lied rauschte unter Pfeifengeheul und dem Klirren zerberstenden Glases
vorbei und entfernte sich allmählich.
"Gehen wir", flüsterte der Mann.
Er ging vor und deutete Kallenbruck ihm zu folgen.
Sie kletterten die enge, gewundene Stiege hinauf in den dritten Stock.
Der Professor kam mit Mühe hinauf. Seit seiner Studentenzeit hatte er nicht
mehr so viel laufen müssen.
Sie gingen durch einen dunklen Gang, dann klopfte der Mann an eine der
Türen.
Die Türe wurde nicht sogleich aufgemacht. Die Leute hinter der Türe fragten
den Ankömmling lange auf Jiddisch aus.
Schließlich knarrte der Türriegel...
***
In dem Raum, wohin der Unbekannte Kallenbruck geführt hatte, stand ein
langer Tisch. Auf dem Tisch brannten Kerzen in zwei siebenköpfigen Kandelabern,
da standen ein Telefon, zwei Teller mit Matzen, da lagen eine riesige geöffnete
Talmudrolle und ein großer Haufen Goldmünzen.
Am Tisch saßen zwölf gebrechliche Juden in Pelz besetzten Rabbinerhüten.
Die Juden hatten graue Bärte bis zum Gürtel und lange Schläfenlocken, die
gespannt waren wie Federn.
Beim Anblick des Professors sprangen alle zwölf Greise mit einer für ihr
Alter erstaunlichen Behändigkeit von ihren Sitzen auf und sangen im Chor:
Wir sind zwölf, zwölf sind wir,
die Weisen von Zion!
Heut fressen wir die Welt, die fressen wir
heut Abend auf...
Nachdem sie zu Ende gesungen hatten, machten sie mit ihren Kiefern einige
gefräßige Bewegungen, sie klapperten mit den Zähnen und zeigten so bildhaft
an, wie dieses Auffressen der ganzen Welt bei einem Abendessen vonstatten
gehen würde. Dann tanzten die Alten ein paar Takte auf der Stelle und setzten
sich wie auf ein Kommando wiederum an den Tisch, um von neuem in düsteres
Schweigen zu versinken.
"Na und wer bist du?" wandte sich der älteste Jude an Kallenbruck.
Die Haare wuchsen ihm wermutgrau aus den Ohren und aus der Nase, und buschige
weiße Brauen hingen über die Augen herunter, sie sahen aus wie ein zweiter
Schnurrbart, der irrtümlich über den Augen wuchs.
"Wer ich bin?" murmelte Kallenbruck gramvoll. "Noch gestern war ich ein
wohlhabender und angesehener Mensch, das Oberhaupt einer Familie und der
Stolz meiner Freunde. Aber jetzt? Jetzt bin ich einfach ein armer Jude."
"Welches Unglück hat dich ereilt?" fragte feierlich wie bei einem schon
vorab festgelegten Zeremoniell der Alte mit den zwei Schnurrbärten.
"Oh je, Herr Weiser von Zion!" Kallenbruck seufzte tief auf. "Mich hat
ein solches Unglück ereilt, dass Ihr es mir nicht glauben werdet, wenn ich
es euch erzähle. Ich hatte eine wunderschöne arische Nase, - ach was für
eine Nase! - und sie haben mir dafür diesen Kürbis untergejubelt.
Ich hatte eine noch junge, recht hübsche Frau, sie haben sie mir weggenommen
und ihr befohlen, mit dem verheirateten Herrn Regierungsrat Oswald von Wildau
Kinder zu zeugen! Ich hatte Kinder - was für Kinder! - sie geben sie in die
Hilfsschule, dort werden sie sterilisiert, damit sie sich nicht weiter vermehren
können. Ich war geehrt und angesehen, und jetzt kann ich mich nicht mehr
auf der Straße blicken lassen, sonst schlägt mir irgendein Schmierfink die
Zähne aus und besudelt meine Kleider. Sagen Sie, Herr Weiser von Zion, hat
es schon irgendwann einmal einen Menschen auf der Welt gegeben, der unglücklicher
gewesen wäre als ich es bin?"
Da schüttelten alle zwölf Weisen mitfühlend die Häupter, und der Alte
mit dem Gesicht, das aussah, als sei es von Wermut überwuchert, fragte zum
dritten Mal:
"Willst du dich an denen rächen, die dich beleidigt haben?"
"Ob ich mich rächen will? Würdet Ihr Euch nicht für Euer ruiniertes Leben
rächen wollen, für Eure beleidigte Frau, für Eure sterilisierten Kinder?
Aber sagt, Herr Weiser von Zion, was kann ich denn tun?"
"Gut", nickte der Alte. "Wir werden dir helfen. Schwöre nur, dass du für
immer bei uns bleiben und niemals niemandem nichts unter keinen Umständen
nicht erzählst. Da auf dem Teller sind Matzen. Sie sind mit dem Blut der
Herren Nationalsozialisten angerührt, die von Herrn Hitler persönlich erschossen
wurden. Brich ein Stück davon ab und iss es!"
"Hol sie doch alle der Teufel!" rief der Professor aus, brach sich ein
großes Stück von der Matze ab und verschlang es, ohne zu kauen.
Da fühlte er plötzlich, wie sich seine Gedanken mit einer ihm bis dahin
unbekannten Listigkeit und Tücke erfüllten, und wie in seinem Kopf ein zwar
noch trüber aber dafür ausgesucht teuflischer Plan heranreifte.
"Wie willst du dich denn an ihnen rächen?" fragte der Alte.
"Wartet, wartet, ich habe eine Idee!" verkündete Kallenbruck eifrig. "Sie
haben einen genealogischen Garten, wo nach dem Geburtenregister der genaue
Stammbaum eines jeden Deutschen bis zurück ins zehnte Glied nachvollzogen
werden kann. Jeden Monat bringen sie entsprechend den neuaufgefundenen Dokumenten
Berichtigungen am Stammbaum an. Kaufen wir alle Archivare Deutschlands und
schreiben jedem reinrassigen Deutschen einen jüdischen Vorfahren ins Geburtenregister
hinein! Morgen wird dann ganz Deutschland wissen, dass Göring keineswegs
ein Göring, sondern ein Hering ist, ein einfacher jüdischer Hering, und dass
es keinen einzigen Nazi gibt, dessen Großvater oder zumindest dessen Urgroßvater
nicht ein Jude gewesen wäre!"
Nachdem die zwölf Weisen die Worte Kallenbrucks gehört hatten, standen
sie auf und tanzten einen bolschewistischen Hopak.
Als sich das erste Aufwallen der allgemeinen Begeisterung gelegt hatte,
wandte sich der Alte mit dem doppelten Schnurrbart an Kallenbruck:
"Bis jetzt waren wir zwölf Weise von Zion. Jeder von uns hat sich eine
ganze Menge Ränke zum Untergang der christlichen Welt ausgedacht, aber keiner
ist bis jetzt auf einen genialeren Plan gekommen. Du hast dir damit den Ehrentitel
eines Weisen von Zion verdient. Von heute an sind wir dreizehn!"
Da verfielen die Greise in ein solches Frohlocken, dass sie sich lange
nicht beruhigen konnten. Sie legten Professor Kallenbruck einen Kaftan aus
Atlas um die Schultern, auf den Kopf taten sie ihm einen großen Rabbinerhut
und sie setzten ihn an den besten Platz.
Der Professor bemerkte verwundert, dass aus seinem rasierten Kinn ein
langer silberner Bart floss, er war wie Wasser aus dem biblischen Felsen
nach der Berührung mit Moses' Stab.
Als es still wurde, begannen die Alten die Einzelheiten des Racheplans
zu beraten.
"Wenn innerhalb eines einzigen Tages jeder Deutsche je einen jüdischen
Vorfahren bekommt, müssen sie sich wohl oder übel damit abfinden, dann kommt
es zwischen ihnen zu keinem Streit mehr", sagte der schwarzschimmernde Greis
mit dem langen, raubtierzahnähnlichen grauen Schnurrbart, der ihn einem Walross
ähnlichsehen ließ. Deshalb sollten wir meiner Auffassung nach nicht allen
auf einmal einen verpassen, sondern das nach und nach tun: anfangs nur den
Nationalsozialisten, und da auch nicht allen, sondern nur den verdientesten.
Alle billigten diese richtige Bemerkung, und es wurde sogleich verfügt,
dass man für den Anfang nur den Mitgliedern der nationalsozialistischen
Partei mit den Mitgliedsbuchnummern von eins bis zehntausend jüdische Vorfahren
einschreiben sollte.
Es wurde beschlossen, die Archivare unverzüglich zu kaufen.
Die Greise machten sich eilig daran, die Goldmünzen am Tisch zusammenzuraffen,
dann sangen sie im Chor und klapperten dabei mit den Münzen in ihren Taschen:
Oh Zion, erstrahle entzückt!
Wir sind ganz und gar berückt!
Ein neuer Weiser ist da!
Lamzadriza za-za!
Dann, nachdem sie einige Tanzfiguren ausgeführt und sich die Hüte tief
ins Gesicht gezogen hatten, verschwanden alle zusammen durch die Tür und
ließen Kallenbruck allein am leeren Tisch mit dem Telefon und den beiden
siebenflammigen Kandelabern zurück.
Der Professor wollte den schnurrbartbrauigen Alten rufen und ihn fragen,
ob er hier bleiben oder gemeinsam mit ihnen weggehen sollte, aber das Zimmer
war schon leer.
Die Kerzen brannten matt, sie blinzelten dem Professor zu und vergossen
Stearintränen auf den verlassenen Tisch, auf den Teller mit der Matze und
auf den einsamen, vergessenen Haufen Goldmetall.
Professor Kallenbruck war unbehaglich zumute. Ihm fiel ein, dass man ihn
in eine Falle gelockt haben könnte. Dieser Gedanke verdichtete sich zu einer
panischen Gewissheit, als es im Gang hartnäckig und andauernd läutete.
Der Professor fuhr herum, streifte mit dem Ellenbogen den Kandelaber und
fegte ihn hinunter. Die Kerzen flackerten auf, dann verlöschten sie. Er blieb
in völliger Dunkelheit.
Jetzt kam es ihm vor, als ob das Läuten nicht vom Gang käme, sondern als
ob das Telefon auf dem Tisch wie verrückt läutete. Mit zittrigen Händen tastete
er im Dunkeln auf dem Tisch. Er fand den Apparat nicht, schmerzhaft stieß
er mit dem Finger gegen irgendetwas. Endlich ertastete seine Hand den Telefonhörer.
Er riss ihn hastig hoch und brachte ihn ans Ohr..."Hallo, wer spricht da?"
***
"Herr Professor Kallenbruck?" begann eine bekannte Stimme im Hörer zu
nuscheln. "Guten Abend! Hier spricht Doktor Himmelstock. Was ist denn heute
mit Ihnen los? Warum sind Sie nicht im Löwenbräu? Wir sitzen hier schon
eineinhalb Stunden ohne Sie. Jetzt haben wir beschlossen, Sie anzurufen.
Fehlt Ihnen denn was?"
"Mir?... Das heißt, ja, was heißt denn das?" murmelte Kallenbruck.
"Schade, dass Sie nicht auf einen Schoppen vorbeigeschaut haben. Der Herr
Justizrat Noldtke war heute in Fahrt und hat sehr interessante Sachen berichtet...
Übrigens muss ich Ihnen gratulieren: Ihr Buch über die endogenen Minusvarianten
des Judentums hat dem Führer sehr gefallen. Er hat gestern im Bett bis zwei
in der Nacht darin gelesen... Nun, wann sehen wir uns wieder? Morgen? Sagen
Sie doch zu. Es gibt so viele interessante Neuigkeiten! Wenn ich es schaffe,
komme ich noch vorbei und höre mir den Schluss Ihres heutigen Referates an..."
Der Gesprächspartner hängte den Hörer ein.
Professor Kallenbruck saß noch einige Minuten in der Dunkelheit und hielt
den Telefonhörer ans Ohr. Dann legte er abrupt den Hörer auf die Gabel. Mit
der Hand ertastete er den Schalter.
Die Tischlampe leuchtete auf. Der Professor blinzelte wegen der Helligkeit
und sah sich in seinem alten, wohlvertrauten Kabinett um - der Schreibtisch,
das Telefon, der Aschenbecher, die Zigarrenkiste, die auf dem Tisch ausgebreiteten
Umbruchseiten:
"Im Gegensatz zur römischen Nase und den anderen zahlreichen Abarten des
klassischen griechisch-nordischen Typs zeichnet sich die semitische Nase
vor allem durch eine Hypertrophie der paarigen dreieckigen Glasknorpel aus,
die gemeinsam mit dem hervortretenden Buckel..."
Professor Kallenbruck sprang vom Sessel auf und rannte zum Spiegel. Ein
geräuschvolles, erleichtertes Aufatmen ging durch seinen festen Körper.
Zwischen den Triefaugen und über dem Schnurrbart, der entsprechend der
nationalen Mode kurz geschnitten war, erhob sich die tadellos gerade, am
Ende ein klein wenig verdickte Nase der Kallenbrucks. Die Strenge und Reinheit
ihrer arischen Linie war über jeden Zweifel erhaben:
Der Professor fuhr sich mit der Hand über die Stirn:
"Pfui! Wie kann einem Menschen bloß etwas derart Abartiges einfallen?"
Er kehrte zum Tisch zurück und betrachtete die Ausgabe des "Völkischen
Beobachters" mit der mit rotem Stift angezeichneten Ankündigung:
"Heute um acht Uhr Abend hält Professor Doktor Otto Kallenbruck im 'Klub
der Freunde der militanten Eugenik' einen Vortrag zum Thema 'Die semitische
Nase als vererbte Minusvariante des Judentums'. Anschließend Diskussion."
Der Professor warf einen Blick auf die Uhr:
"Ej-ej-ej! Zehn vor acht!"
"Berta!" rief er und öffnete die Tür auf den Gang. Berta! Gib mir meinen
schwarzen Gehrock und sag Mitzi, dass sie schnell ein Bier vorwärmen soll.
Schalte das ´große Licht ein, Berta!" bat der Professor und nahm seiner
Frau den Gehrock ab.
Als er sich die Krawatte band, beobachtete er von der Seite her im Spiegel
den fließenden Gang seiner Frau und die abwartenden Bewegungen ihrer fleischigen
Hände, als sie die Zigarrenstummel aus dem Aschenbecher leerte.
"Berta!" rief er und steckte sich die Krawattennadel an. "Stell dir doch
für eine Minute folgende unwahrscheinliche Situation vor: Was würdest du
tun, wenn dein Mann - das ist natürlich lächerlich und absurd, aber nehmen
wir es für eine Minute an - was würdest du also tun, wenn sich herausstellte,
dass dein Mann ein Jude ist?"
"Du machst immer so sonderbare Scherze, Otto!"
"Aber nehmen wir es für eine Minute an", beharrte der Gatte. "Was würdest
du dann tun?"
"Nun, ich würde ihn natürlich unverzüglich fallen lassen."
"Und dir täte es kein bisschen leid wegen der Kinder und der vielen gemeinsamen
Jahre?"
"Du bist mir aber sonderbar! Warum sollte ich denn mit einem Juden Mitleid
haben?"
"Und wohin würdest du gehen, wenn du von ihm weggingest? Zum Herrn Regierungsrat
Oswald von Wildau?" fragte Kallenbruck tückisch. Er war nicht mehr imstande,
in seiner Stimme den bösartigen Tonfall zu unterdrücken.
"Schau, wie schlimm du bist!" errötete die Frau. Du stellst mir ungehörige
Fragen, nur um mich damit zu kränken. Du wirst doch nicht das ganze Leben
auf mich und auf Herrn von Wildau eifersüchtig sein wollen?"
"Ha-ha! Ich mache ja nur Spaß", lächelte der Professor. "Kein Grund, beleidigt
zu sein."
Etwas gekünstelt tätschelte er ihre Wange:
"Du hast so geantwortet, wie es sich für eine richtige Deutsche ziemt.
Jetzt geh aber, und schick mir mein Bier."
Er wusste nicht warum, aber er spürte Gereiztheit gegen seine füllige,
wohlgenährte Frau, die Mutter seiner drei Kinder, in sich aufsteigen und
wollte lieber allein bleiben.
"Papa, bitte, hier ist dein Bier!" meldete von der Tür her mit dünnem
Stimmchen der jüngste Spross der Kallenbrucks, der siebenjährige Willi,
der dem Professor auf dem Tablett den schäumenden Porzellankrug herschleppte.
Der Professor strich dem Kleinen gerührt über das blonde Köpfchen und
leerte den Krug mit einem Zug.
"Papa, darf ich mir diese leere Zigarrenschachtel nehmen?" fragte Willi
und zerrte an seiner großen Schleife auf der Brust.
Der Professor nickte zärtlich.
"Willi!" hielt er den eben mit der Schachtel zur Tür hinauslaufenden Jungen
auf. "Komm doch einmal her. Sag, - stell dir etwas ganz Unwahrscheinliches
vor - was würdest du tun, wenn sich plötzlich herausstellte, dass dein Vater
ein Jude ist?"
Der Knabe schaute den Vater fragend an und verbarg die Schachtel auf dem
Rücken.
"Ich würde Fred und Trudi rufen und wir würden ihn in den Hof locken.
Dort würden wir ihm den Schürhaken über den Schädel ziehen und dann würden
wir ihn zu den Mülltonnen bringen", sagte er ohne zu überlegen und schaute
den Vater mit Triumph in den Augen an.
Er blieb stehen und wartete ganz offensichtlich auf die verdiente Belohnung,
denn normalerweise gab ihm der Vater nach jeder guten Antwort zwanzig Pfennig.
Aber diesmal war der Vater offensichtlich zerstreut. Anstatt dem Sohn
die zwanzig Pfennig zu geben, sagte er einfach:
Ja, ja, du bist mir schon ein Teufelskerl!" wobei er ihn nicht einmal
anschaute.
Und er trug ihm auf, zu Mitzi zu laufen, damit sie das Auto holte.
***
Im "Klub der Freunde der militanten Eugenik" waren schon viele elegante
Menschen versammelt.
Als er sich zum Rednerpult durchzwängte, musste Kallenbruck Dutzende Hände
von Freunden schütteln. Alle wussten bereits, wie hervorragend der Führer
höchst-persönlich das Buch bewertet hatte, und so nahmen die Gratulationen
kein Ende.
Professor Kallenbruck begann sein Referat mit einer erprobten historischen
Anekdote, die er schon vor Dutzenden Auditorien erprobt hatte. Er erklärte,
dass, wenn der gelehrte portugiesische Jude des siebzehnten Jahrhunderts
Isaac de la Pereire (er legte dabei die Betonung auf "Isaac") behauptet hatte,
dass Gott angeblich die Arier und die Semiten nicht am gleichen Tag erschaffen
hätte, er, Kallenbruck, dagegen keine besonderen Einwände hätte. Er wäre
sogar bereit, I-s-a-a-c de la Pereire dahingehend zuzustimmen, dass die Arier
einen Tag vor den Semiten erschaffen worden seien. Zweifellos sei Gott nach
fünf Tagen ununterbrochenen Schaffens müde gewesen. Deshalb sei die Rasse,
die er am sechsten Tag erschuf, bereits aus nicht besonders qualitativ hochwertigem
Stoff geschaffen worden, womit sich auch die nicht besonders guten Rassenmerkmale
erklären ließen, die die heutigen Juden von ihren Vorfahren geerbt hatten.
Mit der ihm eigenen Anschaulichkeit zeichnete er vor seinem Auditorium
die psychologischen Grundzüge des Judentums als Ergebnis pathologischer Mutationen,
die nicht durch natürliche Auslese ausgemerzt worden seien.
Er wies auf die unumstößlich von Lenz und Luxemburger festgestellte Tatsache
hin, dass die Juden im Vergleich zur nordischen Rasse mehr durch psychische
Krankheiten belastet waren. Er verwies auf Gutmann, der der Ansicht war,
dass die Plattfüßigkeit eine Erbeigenschaft der Juden wäre. Als er dann schließlich
und endlich zum Hauptthema des Referates, zur semitischen Nase und ihrem
Einfluss auf die Mentalität des Judentums, kam, hing der ganze Saal gebannt
an den Lippen des redegewandten Professors.
Dann passierte das, was niemand erwartet hatte und worüber die Anwesenden
bei diesem ungewöhnlichen Vortrag noch lange bestürzt miteinander reden sollten.
Als er zur Beschreibung der semitischen Nase und des für sie charakteristischen
Höckers in Verbindung mit der Hypertrophie der paarigen Dreiecksknorpel kam,
fasste sich der Professor plötzlich an die eigene Nase, stockte, erblasste,
hielt seine Nase, ließ ein schreckliches "Oh weh!" hören und stürzte aus
dem Saal.
Im ersten Augenblick dachten alle Anwesenden, dass es sich hier um ein
scherzhaftes Intermezzo handelte. Dann verbreitete sich das Gerücht, der
Professor wäre ohne Mantel und Hut auf die Straße gelaufen und in unbekannter
Richtung verschwunden.
Es gab eine fünfzehnminütige Pause. Als der Professor auch nach einer
halben Stunde noch nicht zurückkam, verbreiteten sich im Publikum bereits
alle möglichen Gerüchte, und um unerwünschte Komplikationen zu vermeiden,
wurde der Abend für beendet erklärt.
Die versprochene Diskussion fand nicht mehr statt.
***
Hier endet die sonderbare Geschichte von Professor Kallenbruck. Wie sehr
wir uns auch bemühten, wir konnten nichts Zuverlässiges über sein weiteres
Schicksal mehr in Erfahrung bringen. Nachrichten aus dem nationalsozialistischen
Deutschland flossen in jenen Jahren überaus spärlich. Informationen über
Unfälle, die Mitgliedern der herrschenden Partei zustießen, wurden ja bekanntlich
strengstens geheim gehalten.
Unter den fragmentarischen, widersprüchlichen Reaktionen, die möglicherweise
in einer Beziehung zu Professor Kallenbruck standen, verdient eine Notiz
unsere Aufmerksamkeit, die in den Berliner Zeitungen gleich am Tag nach dem
Vortrag im "Klub der Freunde der militanten Eugenik" erschien. In dieser Notiz
hieß es, dass die Wächter des Tiergartens in der vorangegangenen Nacht einen
unbekannten, älteren Mann aufgegriffen hätten, der auf einen Baum geklettert
war und auf einer Seite mit einer Axt die Äste abgehackt hatte. Der Angehaltene
hätte Anzeichen einer stillen Geistesgestörtheit gezeigt.
In den Zeitungen der deutschen Opposition im Ausland erschien kurz nach
den beschriebenen Ereignissen ohne Kommentar eine kurze Mitteilung, in der
es hieß, dass der bekannte Rassenkundler Professor Otto Kallenbruck, Mitglied
der nationalsozialistischen Partei, nach der Rückkehr von einer wissenschaftlichen
Dienstreise durch dreiundzwanzig Konzentrationslager des faschistischen Deutschlands
wahnsinnig geworden sei.
Übrigens schätzten in jenen Jahren offizielle deutsche Politiker und Wissenschaftler
und die Verfechter des Gesetzes über die Zwangssterilisierung wie Wilhelm
Frick (vor ihm der sozialdemokratische Abgeordnete im Reichstag A. Grotjahn)
die Gesamtzahl der in irgendeiner Weise behinderten Personen in Deutschland
auf ein Drittel der Gesamtbevölkerung, was mehr als zwanzig Millionen Menschen
entsprochen hätte.3)
Der in seinen Berechnungen vorsichtigere Professor Fritz Lenz kam auf
insgesamt zwölf Millionen4). Diese Zahl bezog sich allerdings auf die Jahre
vor der Errichtung des nationalsozialistischen Regimes, wohingegen während
seines Bestehens die Zahl der psychisch Kranken wesentlich gestiegen war,
was sich aus den Zeitungen und den offiziellen Daten schließen lässt.
Nach Doktor Falthauser5) "hätte man, um den Bedarf an psychiatrischen
Krankenhäusern zu decken, eine derart gigantische Bautätigkeit entfalten
müssen, dass ein solcher Alptraum einen hätte in Grauen versetzen können".
Sehr beruhigend wirkte auf die durch diese Zahlen aufgewühlte öffentliche
Meinung in den europäischen Ländern die großartige Arbeit des deutschen Statistikers
Stecker mit dem Titel "Statistische Darstellung der Belastung verschiedener
Fachgruppen durch psychische Erkrankungen"6). Laut dieser Statistik beträgt
der Prozentsatz psychischer Primärerkrankungen "bei Geschäftsleuten im Ruhestand"
nicht mehr als 1,6 %, für den etwas unruhigeren Beruf des Rentiers beträgt
er 6,7 % und bei den einfachen unqualifizierten Arbeitern erreicht er 39,5
%".
Somit setzte sich nach den gewichtigen Versicherungen von Stecker und
anderen deutschen Statistikern der überwiegende Teil der erwähnten zwanzig
Millionen aus psychisch nicht vollwertigen proletarischen Elementen zusammen,
deren niedrige Rassenmerkmale sie besonders anfällig für psychische Erkrankungen
machten. Professor Doktor Otto Kallenbruck stellte nach allen Angaben in
dieser Masse eine seltene Ausnahme dar.
In einer internen Statistik der Geheimpolizei findet sich unter sechsundfünfzig-tausend
unheilbaren asozialen Elementen, Schizophrenen, Epileptikern und anderen,
die 1934 in den deutschen Konzentrationslagern, psychiatrischen Anstalten
und Hilfsschulen sterilisiert wurden, auch der Name eines gewissen Kallenbruck.
Da allerdings der Vorname fehlt, ist schwer festzustellen, ob es sich tatsächlich
um Professor Doktor Otto Kallenbruck handelte.
Wenn er es auch wirklich gewesen wäre, hätten wir uns trotz der allgemein
bekannten Beziehung zwischen den Autoren und ihren Helden keine Äußerungen
des Protestes und der Empörung erlaubt, wir hätten uns an die Worte des deutschen
Gesundheitsministers Doktor Reiter gehalten, welchen Kallenbruck gerne zitierte:
"Man muss die Gesunden selektieren und für ihre Vermehrung sorgen. Die
Kranken müssen sich selbst überlassen bleiben - sie belasten nur die Gesellschaft."7)
Der Vollständigkeit halber sollten wir noch eine weitere Nachrichten anführen,
es handelt sich dabei leider um ein unüberprüftes Gerücht, welches seinerzeit
in Berliner Ärztekreisen die Runde machte. Es hieß, Professor Doktor Otto
Kallenbruck sei an progressiver Paralyse verstorben.
Wenn man sich auf den Standpunkt einer wissenschaftlichen Autorität wie
Westhof stellt, auf dessen originelle Ansichten sich die deutschen Eugeniker
in letzter Zeit immer seltener beziehen, so kann man dieser Version eine
hohe Wahrscheinlichkeit nicht absprechen. Bekanntlich vertritt Westhof die
Ansicht, dass ein Lebewesen umso krankheitsanfälliger ist, je höher es auf
der Entwicklungsleiter gestiegen ist. Indem Westhof insbesondere auch die
progressive Paralyse als einen Faktor der geistigen Kultur anerkennt, hält
er sie für ein besonderes Privileg und für einen Beweis für die Höherwertigkeit
gerade der deutschen Rasse. Er vertritt folgende Meinung: "Alle Völker beginnen
je nach dem Ausmaß ihrer Beziehungen zu den Deutschen an progressiver Paralyse
zu leiden. Selbst bei den Juden ist die Häufigkeit der progressiven Paralyse
eben dadurch bedingt..."
Schließlich erreichte uns erst vor ganz kurzer Zeit eine weitere Nachricht,
die uns wiederum veranlasste, uns an Professor Kallenbruck und sein außergewöhnliches
Schicksal zu erinnern.
Streng vertraulichen Informationen zufolge machten in den Führungskreisen
der nationalsozialistischen Partei die sensationellen Enthüllungen eines
bis dahin wenig bekannten Juristen überaus großen Eindruck, er hatte in einem
Geheimbericht direkt an den Führer anhand von Dokumenten die jüdische Abstammung
einer großen Zahl sehr bekannter Nazis nachgewiesen.
Eine Sonderkommission, die zur Untersuchung des Wahrheitsgehaltes dieser
schwerwiegenden Anschuldigung geschaffen wurde, bestätigte Gerüchten zufolge
nicht nur diese Enthüllungen, sie fügt vielmehr jeden Monat eine immer längere
Liste bekannter Nationalsozialisten hinzu, deren jüdische Abstammung anhand
der von den Archivaren gefundenen neuen Dokumente als praktisch bewiesen
gilt.
Um eine Panik zu vermeiden, werden die Informationen über die Arbeit dieser
Kommission strengstens geheim gehalten.
1936.
Anmerkungen:
1)Prof. Dr. Hans Günther. "Rassenkunde des deutschen Volkes"
2)Gross. "Ein Jahr rassenpolitische Erziehung". "National-sozialistische
Monatshefte". Wissenschaftliche Zeitschrift der NSDAP. Herausg. von Adolf
Hitler. Heft 54. 1934.
3) A. Grotjahn. "Soziale Pathologie". Berlin, 1923.
4) Prof. Dr. Fritz Lenz. "Menschliche Auslese und Rassenhygiene (Eugenik)".
Lehmanns Verlag. München, 1931.
5) "Zeitschrift für psychiatr. Hygiene", V., Heft 2-4.
6) Stecker. "Statistische Darstellung der Belastung mit psychischen Erkrankungen
verschiedener Fachgruppen"."Psychiatr.-neurologische Wochenschrift" Nr. 18,
1933.
7) Aus der Rede auf dem Kongress der nationalsozialistischen Ärzte in
Nürnberg (1933).